Die große wahre Geschichte von Genua und dem "Black Block"
Eine allgemeine Einschätzung zu den Tagen in Genua von einem Militanten

Teil 1

Kurze Vorbemerkung: Ich halte nichts von dem Begriff "Globalisierungsgegner". Er wird unserem Anliegen nicht gerecht. Ich spreche im folgenden von der Globalen Außerparlamentarischen Opposition (GAPO).

Schreiben wir die Geschichte vom Gipfel in Genua. Wie wird sie aussehen? Etwa so?
200.000 Menschen versammelten sich, um friedlich zu demonstrieren. Gleichzeitig tauchten ca.400 Vermummte auf, ein organisierter "Black Block". Dieser Block bestand aus Zivilpolizisten, aus Faschisten, und zu einem kleinen Teil auch aus verwirrten vornehmlich deutschen Krawallmachern. Der Block zog zwei Tage lang unbehelligt marodierend durch Genua, griff friedliche DemonstrantInnen an, richtete einen Sachschaden von fünfzig Millionen Euro an, indem er systematisch kleine Läden und Privatwagen zerstörte. Wo er auftauchte, wich die Polizei zurück und griff stattdessen friedliche DemonstrantInnen brutal an.
Nach getaner Arbeit zog der "Black Block" sich in eine Carabinieri-Kaserne zurück oder verwüstete sozusagen zum Abwärmen noch ein Gebäude, das die Stadt Genua für Übernachtungen zur Verfügung gestellt hatte. Zuletzt war das geheime strategische Ziel dieser Aktion erreicht: Niemand sprach mehr in der Öffentlichkeit von den politischen Zielen der DemonstrantInnen oder von der GAPO, alle empörten sich nur noch über die Gewaltexzesse militanter Linker.

An diesem Bild wurde in den Tagen seit Genua von vielen eifrig gestrickt. Von AugenzeugInnen und Betroffenen ebenso wie von politischen RepräsentantInnen der "gemäßigten" Linken oder von liberalen Medien.

Hier wächst zusammen, was nicht zusammengehört: Einzelfälle, Wünsche oder Befürchtungen, politische Grundüberzeugungen und Einschätzungen, Verschwörungstheorien und Gerüchte, alles vereint von dem einen Bedürfnis: eine kurze, einfache Erklärung zu finden für die komplizierte, widersprüchliche Wirklichkeit.

Meine Geschichte von Genua sieht anders aus. In dieser Geschichte gibt es jedes der Einzelerlebnisse, die erzählt werden, doch das Mosaik, das daraus zuletzt entsteht, ist nicht das Bild von Strategien und Verschwörungen.

Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, wer die Militanten waren, was sie taten, und wie sich die Polizei dazu verhielt.

Das Vorfeld des Gipfels: Es war seit langem klar, daß Genua der bisherige Höhepunkt der GAPO-Mobilisierung werden würde. Die Bewegung ist seit Seattle sprunghaft angewachsen. Sie ist besonders in Italien stark. Die gesamte italienische außerparlamentarische Linke ist in den letzten Jahren stärker und mobilisierungsfähiger geworden. Das italienische Demonstrationsrecht ist vergleichsweise liberal, die Gesellschaft ist offen für Strassenproteste. Norditalien ist für fast alle Menschen aus dem EU-Raum leicht erreichbar. Es ist Sommer und Urlaubszeit.
Es war also schon lange klar, daß sehr viele Menschen nach Genua kommen würden.
Die Mobilisierung wurde verstärkt durch die Medien, die auf das Spektakel gieren und seit Seattle 1999 jeden Gipfel entsprechend vorbereiten. Die Ereignisse in Göteborg haben der Mobilisierung zuletzt noch einmal einen starken Schub gegeben. In gewisser, vermutlich nicht so beabsichtigter Weise war Göteborg sogar eine Generalprobe für Genua. Sie zeigte unter anderem, daß die Massenmedien gerne bereit sind, selbst Schüsse auf DemonstrantInnen (nun ja, immerhin: militante DemonstrantInnen) unter ferner liefen abzubuchen und den selbsternannten Hütern von Sitte und Anstand, Recht und Ordnung willig in den Arsch zu kriechen, wenn sie zur Hatz blasen.

Der Charakter der "Entscheidungsschlacht" wurde Genua schon im voraus angeheftet, worunter sich aber durchaus verschiedenes vorgestellt wurde. Es konnte bedeuten, daß durch den politischen Druck der GAPO die G8-Gipfel an sich unmöglich gemacht würden. Oder daß die Struktur der Gipfel sich ändern müßte. Oder daß der GAPO-Bewegung ein entscheidender Nackenschlag versetzt würde. Oder daß die Eskalation unkontrollierbar werden würde. Mir schien das letztere schon im Vorfeld wahrscheinlich, und ich war nicht der Einzige, der mit einer Zuspitzung bis hin zu Toten rechnete. Dieses Risiko war ich bereit, auch selbst einzugehen.

In den Tagen vor dem Gipfel wurde der politische Druck auf die GAPO verstärkt. Es wurden die altbekannten Horror-Szenarios ausgepackt, die sich gegenseitig aufschaukelten. Wir in Berlin kennen das vom IWF-Kongreß 1988, als die Sicherheitsbehörden schon Monate vorher ankündigten, "mit der autonomen Szene aufzuräumen", was viele AktivistInnen so einschüchterte, daß sie während der Gipfel-Tage verkleidet in Hotels untertauchten. Oder: Im Jahr 2000 verkündete der Berliner Innensenator kurz vor dem 1.Mai voller Sorge, es sei bei der Mai-Demonstration mit Toten zu rechnen.
Die bekanntermaßen gedächtnislosen Massenmedien lieben solche Hetze und verbreiten sie gerne. Das Ziel ist klar: Menschen sollen von der Teilnahme abgeschreckt werden, brutale Repression soll im voraus gerechtfertigt werden. Wenn dann alles anders kommt als vorher behauptet, wird es als Erfolg der Sicherheitsstrategie verbucht. Same procedure as every year...
Die verschärften Grenzkontrollen und Ausreiseverbote bestätigten Befürchtungen gegenüber den EU-Sicherheitsstrategen. Genua selbst wurde in den Tagen vor dem Gipfel in einen gefährlichen Ort verwandelt, es gab Kontrollen und Festnahmen und bereits erste Fälle von Polizeigewalt mit faschistoidem Hintergrund. Hinzu kamen einzelne Fälle von Terror, die Erinnerungen an die italienische "Strategie der Spannung" der 70er Jahre weckten, also an Anschläge faschistischer und/oder polizeilicher Provokateure.
Die GAPO spielte das Spiel der Aufheizung teilweise mit. Die extreme Polizei-Brutalität in Seattle und nun in Göteborg hatte ihren Teil dazu beigetragen, Schlimmes zu erwarten. Im Spannungsfeld zwischen Göteborg und Genua wurden "normale" Vorkehrungen für Großereignisse, wie etwa die Bereitstellung von Leichensäcken, in der Linken zu Schreckensmeldungen aufgeblasen. Zumindest in Deutschland wurde allgemein damit gerechnet, daß hunderte oder gar tausende von Menschen an den Grenzen zurückgewiesen, in Italien in Vorbeugehaft genommen oder sonstwie aufgehalten werden würden.

Wider Erwarten waren die Grenzen durchlässig, und die Reise nach Genua dauerte zwar lange, aber es kamen die meisten an, konnten sich versorgen und Übernachtungsplätze finden. Genua war im Ausnahme-, aber nicht im Belagerungszustand. In den Tagen vor dem Wochenende waren die Angereisten vielfach damit beschäftigt, sich zu sortieren; wer nicht an die großen Organisationen angeschlossen war, versuchte, Übernachtung, Versorgung und Ausrüstung zu organisieren und Bekannte bzw. politisch Gleichgesinnte zu finden. Bereits in diesen Tagen wurde klar, daß die Dominanz des GSF und seine eindeutige Position gegen Militanz und Militante zu Konflikten führen würde. Es gab diverse Plena und Versammlungen kleinerer Gruppen und Versuche, sich irgendwie außerhalb der dominanten Kräfte zu organisieren, die aber nicht viel mehr als allgemeine Absprachen über Sammelorte brachten.
Der Donnerstag verlief so, wie es geplant war: unter anderem mit der friedlichen Großdemonstration für und von MigrantInnen, mit Festen und viel guter Stimmung. Es war auch für alle Militante klar, daß dieser Tag friedlich verlaufen sollte. Keine polizeilichen oder faschistischen Provokateure nutzten die hervorragende Gelegenheit: Dabei wäre mit Randale schon am ersten Tag das Konzept der GAPO sofort gesprengt worden, die Lage wäre verwirrt und zugespitzt gewesen, polizeiliches Eingreifen an den Sammelplätzen, Angriffe auf die GAPO-AKtivistInnen, während sie noch anreisten bzw. sich noch nicht in der Stadt formiert hatten, wären legitimiert worden.

Am Freitag befanden sich viele hundert, vielleicht auch schon tausende Militane in Genua. Sie kamen aus allen möglichen Ländern, vor allem natürlich aus Italien, viele aber auch aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien. Sie verfügten weder über eine organisierte Struktur noch über ein gemeinsame Konzept. Hergeführt hatte sie allein das politische Grundverständnis: der Gipfel muß angegriffen werden, und zwar nicht nur verbal, sondern praktisch, indem die Rote Zone attackiert wird - und die Polizei, da sie diese Zone verteidigt. Dabei war (fast) allen sicherlich klar, daß es unmöglich sein würde, einem Bush, Berlusconi oder Schröder nahezukommen. Selbstverständlich würde die Polizei scharf schießen, wenn tatsächlich ein Durchbruch in die Rote Zone gelingen würde.
Wer das, spätestens nach Göteborg, nicht glaubte, war naiver als die Polizei erlaubt. Auch der praktische, militante Angriff würde also ein symbolischer sein, aber mit der klaren Aussage: wir begnügen uns nicht mit kritischer Rede und dem Schwenken von Fahnen. Für uns Militante gibt es keine Brücke, über die wir an den Katzentisch der Mächtigen gehen würden. Wir wollen nicht als NGO anerkannt werden. Wir wollen keine Vorschläge zur Verbesserung der WTO oder des IWF machen. Wir halten das gesamte Weltwirtschaftssystem für einen Haufen Scheiße. Alternativen? Uns geht es wie allen: wir haben kein funktionierendes Modell anzubieten. Uns kann niemand erzählen, daß ein anderes Weltbank-Präsidium, eine internationale Kapitalbesteuerung, eine rot-grüne "Entwicklungspolitik" oder ein noch etwas weitergehendes Kyoto-Protokoll das Elend der Menschen beheben kann. Wir denken, daß etwas neues praktisch erprobt werden muß, denn alle großen Pläne sind gescheitert. Und die, die da hinter Zaun und Polizeikette friedlich an ihren Konferenztischen sitzen, werden das mit aller Gewalt zu verhindern suchen. Deshalb muß die Gewalt an diese Tische zurückgetragen werden.
Innerhalb der Militanten gibt es allerdings sehr unterschiedliche politische Identitäten und Vorstellungen. Es gibt Menschen (wie z.B. mich), die es richtig finden, daß Militanz als Verstärker für politische Themen in der Öffentlichkeit wirkt, auch wenn sich als VertreterInnen dieser Themen meistens gemäßigte Linke profilieren, denen ich ansonsten in vielem nicht zustimmen kann. Anderen Militante ist das ganz egal, weil sie sich selbst stark genug finden und all das reformistische Gerede für unwichtig halten, oder sogar für schädlich und feindlich. Wieder andere machen sich darüber gar keine Gedanken, weil es ihnen vor allem um ihre eigene Wut, ihren ganz persönlichen Kampf gegen das HERRschende Gesellschaftssystem geht. Schließlich tummeln sich am diffusen Rand dieser Szene auch einige, die gegen "Politik" allgemein sind, ob rechts, links, staatlich, oppositionell...

Wie gesagt: die Militanten hatten keine funktionierende Struktur, keinen Plan, außer "Hin zur Roten Zone". Es gab einzelne Gruppen, die sich mit anderen absprachen, eher spontan als von langer Hand vorbereitet, und es gab viele gänzlich unorganisierte lose Grüppchen und Einzelpersonen. Es gab wenig vorbereitete Ausrüstung und kaum Sammelpunkte. Gerade viele von weiter weg Angereiste hatten anfangs weder Material dabei (weil sie nicht damit gerechnet hatten, es bis Genua durchzubekommen) noch ein gemeinsames Camp (weil sie mit Polizeiangriffen rechneten) und verbrachten die kurze Vorbereitungszeit vor Ort vor allem damit, diesen Mangel zu beheben. Die Versuche, in Absprache mit Organisationen zu einem der Sammelorte zu mobilisieren, waren nicht sehr erfolgreich. Alle teils wohlgesonnenen, teils diffamierenden Berichte über die großen Pläne und perfekten Strategien der Militanten sind - leider - nicht wahr. Nicht einmal in der Frage, ob der entscheidende Angriff auf die Rote Zone am Freitag oder am Samstag anstehen würde, gab es Einigkeit.
Das zeigte sich am Freitag in aller Deutlichkeit. Eines der wenigen übergeordneten klaren Konzepte der GAPO für den Freitag war der Beginn der direkten Aktionen, nämlich 14 Uhr. Südöstlich der Roten Zone begannen aber bereits um 13 Uhr die ersten Auseinandersetzungen, und nicht die Polizei hat sie angefangen, sondern Militante, die eine Bank entglasten. Wie unorganisiert und unvorbereitet die Militanten waren, zeigte sich auch daran, daß in dieser Anfangsphase die Polizei sie rasch zurückschlug und zersprengte. In der Folgezeit verteilten sich Militante chaotisch in Gruppen nach Norden und Süden, während die Polizei relativ passiv blieb und vor allem ihre "Vorwärtsverteidigung" der Roten Zone durchführte: durch massiven Gas-Einsatz und einzelne Ausfälle hielt sie ihren Bereich, kontrollierte aber kaum das Geschehen weiter außerhalb.
Für viele Militante entschied sich die Schlacht schon in dieser ersten Stunde. Die Kräfteverhältnisse waren so ungleich, daß der "Sturm" auf die Rote Zone mehr dem Versuch ähnelte, durch militantes Posaunen ringsherum die Mauern von Jericho zum Einsturz zu bringen, sprich: durch einzelne Angriffe auf die Polizei und das Zerstören von Banken u.ä. den Eindruck der "militanten Straßenkämpfe" politisch wirksam werden zu lassen, aber keinen wirklichen militanten Angriff auf die Rote Zone durchzuführen. Es gab keinen "Black Block", sondern ein wildes Durcheinander verschiedenster Menschen, schwarz und bunt gekleidet, vermummt oder unvermummt: überzeugte Militante; spontan vor Wut Explodierende; Gewaltfreie in Notwehr; Stadtbewohner als Gelegenheitsautonome; betrunkene Nihilisten... entsprechend zielgerichtet (oder auch nicht) waren die Aktionen. Wer Steine aufgrund politischer Strategien wirft, wird normalerweise genauer zielen als die, die aus momentaner Wut über Polizeigewalt oder aus einem diffusen Gemisch von Spannung, Abenteuer und Gelegenheit heraus gewalttätig werden. Steine werden allzu oft blindlings geworfen, treffen andere DemonstrantInnen, Fensterscheiben, Autos. Es sollte übrigens nicht vergessen werden, daß auch die Polizei eine Menge Schäden anrichtet bei ihren Einsätzen! Doch auch Militante haben schon mal danebengeworfen...

Diese Entwicklung und die damit einhergehende Ausbreitung der Randale auf weitere Stadtteile war Ergebnis der praktischen Situation und kein überlegtes Konzept! Aber damit wurden natürlich anderswo Menschen und Konzepte in Mitleidenschaft gezogen. Es ist anzunehmen, daß die Demo der Tute Bianche so oder so von der Polizei gewaltsam aufgehalten worden wäre, aber dadurch, daß dieses Zusammentreffen in einer Gegend stattfand, in der es vorher schon geknallt hatte und die dortigen Akteure mit den Tute Bianche zusammentrafen und sich teils vermischten, wurde die Situation sehr viel unübersichtlicher und unkontrollierbarer. Das galt genauso für die Polizei (und ihre Führung), die oft planlos agierte, vorstieß, sich wieder zurückzog; die Militanten verfolgte, aber dabei niederknüppelte, was gerade im Weg stand, und sei es ein friedliches Straßenfest; die ihr Gas in solchen Massen verschoß, daß die eingesetzten Polizisten selbst fast kotzten. Vielleicht hatte die Polizei ihre eigenen Horrorgeschichten mehr geglaubt als sonst jemand und sich mit ihrer anfangs defensiven Haltung auf ein Ausmaß von Angriffen eingestellt, das so überhaupt nicht stattfand und nicht stattfinden konnten, weil die Voraussetzung - ein entsprechend vorbereiteter militärischer Gegner - fehlte.
Das könnte helfen, zu erklären, warum die Polizei widersprüchlich agierte, indem sie am einen Ort zurückwich oder gar nicht erst anrückte, an anderen Stellen dafür schon an diesem Tag äußerst brutal zuschlug. Nicht zu vergessen ist dabei auch, daß es verschiedene Einheiten waren, deren Motivation, Ausbildungsstand und Führungsstruktur oder auch die Durchseuchung mit Faschisten sich unterschied. Dazu kommt die Schwierigkeit, ein Heer von solcher Größe sinnvoll zu manövrieren - ein Problem, daß auch die Berliner Polizei trotz all ihrer Erfahrung nicht meisterte am 1.Mai 2001, als sich tausende von Anti-Riot-Polizisten in Kreuzberg gegenseitig blockierten.
Die Schüsse auf Carlo Giuliani waren der folgerichtige Höhepunkt dieser chaotischen Eskalation und brachen ihr die Spitze, zumal die Tute Bianche in dieser Situation sich für den Rückzug entschieden. Die Alternative wäre gewesen, weitere Tote in Kauf zu nehmen, denn auf beiden Seiten war viel Haß, Angst und Verwirrung vorhanden, und daraus werden schnell weitere Eskalationen. Es gab Gerüchte über weitere Tote und schießende Polizei, und es gab andererseits bereits gewaltsame Aktionen, die auch Militante in keiner Weise rechtfertigen konnten.

In Genua waren vermutlich noch ein paar andere "Militante": etwa Under-Cover-Agenten, wie es sie in jeder radikalen Bewegung gibt (auch bei ganz gewaltfreien); Hooligans oder Faschisten, die die Aussicht auf Randale im Schutz breiter Massen zum Abenteuer reizte; ideologische Provokateure, die durch terroristische Aktionen die Militanten diskreditieren wollten; aber wieviele waren es? und welchen Einfluß hatten sie auf den Verlauf der folgenden Tage? Ich möchte vermuten, es waren nur sehr wenige, und sie hatten nicht viel Einfluß. Die bisher veröffentlichten Fotos zeigen gewöhnliche, nicht einmal besonders gut verkleidete Zivilpolizisten, wie sie als Schlägertrupps leider nur zu üblich sind. Die kursierenden "Berichte" über Zahl und Bedeutung der Provokateure sind, ich gehe jede Wette ein, maßlos übertrieben und setzen sich zusammen aus Halbwissen, Gerüchten und sehr subjektiven Interpretationen.

Die Verschwörungstheorie von den vermummten Provokateuren ist steinalt und taucht in trauriger Regelmäßigkeit auf, wenn bei politischen Großereignissen das ganze Spektrum der Linken aufeinandertrifft. Es gibt im wesentlichen drei Gruppen der Linken, die diese Theorie vertreten: Ersten Kommunisten, in deren Augen alles Provokation ist, was ihren Strategien nicht entspricht - sie sind nicht gegen politische Gewalt an sich, sondern halten den Zeitpunkt für verkehrt. Zweitens liberale Linke, vor allem RepräsentantInnen von Organisationen und Bewegungen, die für sich noch Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen des HERRschenden Systems sehen und oft auch persönliche Karrieren, und die in ihrer Egozentrik glauben, politische Gewalt sei stets eine gesteuerte Intrige gegen ihre Ambitionen. Drittens Gewaltfreie, die vom hohen moralischen Roß der wahren Lehre herab meinen, behaupten zu dürfen, linke Politik müsse stets gewaltfrei sei und deswegen könne logischerweise niemand zur Linken gehören, der oder die anderes praktiziert. Ach übrigens: schon Martin Luther, der große Reformist (Reformator), hetzte ca.1525 gegen die "mordischen und raubischen Rotten der Bauern", nachdem ihm der Aufstand ebendieser Bauern zu erheblichem politischen Einfluß mitverholfen hatte.
Zur Verschwörungstheorie gehört auch, die eigene Beobachtung oder Vermutung für wichtiger zu halten als sie ist. Manche begegnen wirklich einem vermummten Provokateur (sei es nun ein Polizist, der planvoll handelt, oder ein betrunkener Punk, dem alles egal ist), können sich aber nicht damit abfinden, eine kleine Einzelgeschichte erlebt zu haben, sondern basteln sich daraus ein Szenario, wo Provokateure "führend", "inszenierend" etc. tätig sind.

Zurück nach Genua. Die Nacht von Freitag auf Samstag war von Anspannung und Erschöpfung geprägt. Viele waren schockiert und mitgenommen: von der Brutalität der Polizei, von Ausmaß und Heftigkeit der Kämpfe, von den massiven Gaseinsätzen, von Auseinandersetzungen mit Gewaltfreien (die auch mal zuschlugen), von den Horrormeldungen über Tote und Verletzte. Dazu kam die Ungewissheit über das Kommende: würde die Polizei die Camps angreifen, würde die Demonstration am Samstag verboten werden, würden die Kämpfe noch mehr eskalieren, würde es weitere Tote geben? Kaum jemand hatte noch Kraft und Muße, eine Analyse des Tages vorzunehmen und für den Samstag zu planen, schon gar nicht in Absprache mit anderen Gruppen.
Die Militanten wollten an der Großdemonstration teilnehmen, möglichst als eigener Block, und sich nicht von liberalen Gruppen ausgrenzen lassen, aber sie wollten auch am Samstag weiter die Rote Zone angreifen und die Polizei, die sich am Freitag nicht gerade Freunde gemacht hatte. Es war klar, daß die Gräben zwischen den Linken über das richtige Verhalten nach der Eskalation vom Freitag breiter geworden waren: es gab weniger Unentschlossene, mehr Militante und mehr Gewaltfreie. Es sei daran erinnert, daß 195.000 nicht-militante DemonstrantInnen nicht gleich 195.000 Gewaltfreie sind - es sind viele dabei, die sich noch nicht entschieden haben oder Militanz gut finden, aber persönlich nicht praktizieren, und viele halten sich für friedlich, bis sie das erste Mal von der Polizei zusammengeschlagen wurden... Am Samstag waren tausende voller Wut, vor allem wegen der Schüsse auf Carlo Giuliani, aber auch wegen des allgemeinen Terrors vom Freitag.

Die Polizei hatte ihre Taktik gegenüber dem Freitag geändert. Es ist anzunehmen, daß es politischen Druck gab. Die Berichte über ungestört sich austobende Militante, über Plünderungen und Brandlegungen, waren zwar insgesamt übertrieben, konnten aber die Polizeiführung nicht ruhig schlafen lassen. Für die Polizei sah es so aus: am Freitag hatten ein paar tausend Militante sich viel herausgenommen, und zehntausende DemonstrantInnen hatten ihnen meistens Rückendeckung geboten. Die Polizei hatte schon von Anfang an eine Art vorauseilenden Generalpardon von oben für jede Art von Terror bekommen, nun machte sie Ernst damit, indem alle zum Feind erklärt wurden, die auch nur im Umkreis von Auseinandersetzungen waren. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß zehntausende (nämlich vor allem der Nordteil der Demonstration) weitgehend verschont blieben und außer herübergewehten Gasschwaden kaum etwas mit- oder abbekamen von den Auseinandersetzungen.
Der südliche Teil der Demo wurde dafür aufgemischt. Auch hier gilt, wie so oft bei solchen Konflikten, daß die Frage "wer hat angefangen" hinterher heftig diskutiert und nicht eindeutig entschieden wird, wobei die Antwort vor allem für diejenigen von Bedeutung ist, die politische Gewalt nur als unmittelbare Notwehr gegen Polizei-Angriffe verstehen und legitimieren können. Tatsache ist aber, daß es in jedem Fall geknallt hätte. Ob nun ein Stein oder eine Tränengasgranate zuerst flog, spielt keine Rolle. Die Militanten hatten es nicht einmal geschafft, einen eigenen Block zu bilden, sie schlidderten fast ansatzlos in die Fortsetzung der chaotischen Kämpfe des Vortages hinein. Ein paar Gruppen griffen die Carabinieri an, andere waren defensiv und bauten Barrikaden, und die Polizei holte nun zum großen Gegenschlag aus: die Rache für den Freitag begann, und diese Rache hatten nicht nur die Militanten zu erdulden, sondern auch viele, die keinen Anteil an den Kämpfen des Freitags gehabt hatten. Auf der anderen Seite hatten die Ordner und Funktionäre der gemäßigten Gruppen alle Mühe, ihre junge Basis vom Steineschmeißen abzuhalten, und oft blieben sie dabei erfolglos.

Ende von Teil 1