Die große wahre Geschichte von Genua und dem "Black Block"
Eine allgemeine Einschätzung zu den Tagen in Genua von einem Militanten

Teil 2

Der Tag verlief ähnlich chaotisch wie der Freitag. Die Rote Zone war für die Militanten noch unerreichbarer geworden als zuvor, was aber letztlich unwichtig war: denn was hätte denn geschehen sollen, wenn tatsächlich ein paar versprengte Häufchen dort durchgebrochen wären? Sie wären massakriert worden. Das politische Ziel der Militanten war bereits mit dem Freitag erreicht worden. Es war bewiesen worden, daß ein Gipfeltreffen der Mächtigen nur militärisch durchgesetzt und geschützt werden konnte, daß die GAPO-Bewegung eine starke militante Option hatte. Eine oppositionelle Bewegung hat nur dann eine Chance, politisches Gewicht zu bekommen, wenn die HERRschenden diese Option befürchten müssen. 500.000 FriedensdemonstrantInnen beeindrucken keinen Machtpolitiker oder Großbankier, solange gewiß ist, daß sie friedlich bleiben werden. Erst die Möglichkeit, daß sie sich ja auch radikalisieren könnten, macht die Bewegung gefährlich und damit stark.

Der Preis dafür, und das zeigte sich schon im Vorfeld, besonders aber am Samstag, ist die Spaltung innerhalb der Bewegung. Die gemäßigten Kräfte und die radikalen liegen zu weit auseinander, um ihre jeweiligen Aktionsformen einfach so nebeneinander auf der Straße durchführen zu können. Militante sind naiv, wenn sie behaupten, es genüge ja, sich gegenseitig zu akzeptieren. Unsere Militanz wirkt sich auf andere ganz konkret aus. Es stimmt zwar, daß die Polizei auch ohne Straßenkämpfe zu Übergriffen neigt, aber es stimmt auch, daß die Gewalt der Polizei - auch gegen Unbeteiligte - im Zuge von Straßenkämpfen erheblich zunimmt, daß sie brutale Rache nimmt, oft an Schaulustigen und Unerfahrenen (denn die Militanten wissen am besten, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen).

Am Samstag Abend schien es, als ob ein politisches Unentschieden anstünde. Die Militanz hatte der GAPO die Aufmerksamkeit verschafft, die sie brauchte. Anstatt daß die ihre politischen Inhalte in der Öffentlichkeit von der "Gewaltberichterstattung" überlagert worden wäre - wie die liberalen Linken es stets behaupten - war das Gegenteil der Fall. Die Militanz hatte die Berichterstattung über das Fest der HERRen der G8 verdrängt, und viele Medien beeilten sich, die "eigentlichen" Anliegen der GAPO-Bewegung zu erläutern, die von den "Gewalttätern" gerade diskreditiert würden. Andererseits waren die Gräben innerhalb der GAPO, schon in Göteborg deutlich, nun noch offener aufgebrochen, hatte es Schlägereien untereinander gegeben, waren tausende verletzt und zerschunden und ein Mensch tot. Der Preis für den augenblicklichen politischen Erfolg war hoch und würde erst in der Zukunft erkennbar werden. Der politische Druck von oben und von den Medien, der auf die gemäßigten Kräfte zum Zwecke der Spaltung ausgeübt wurde und noch werden würde, war enorm. Und viele schienen nur zu gerne bereit, ihm nachzugeben oder gar vorauseilend zu gehorchen.
Dann kam der nächtliche Überfall auf die Diaz-Schule und das Medienzentrum IMC.

Die Situation in Genua schwankte Samstag Abend für viele zwischen "es ist überstanden" und "was wohl jetzt noch nachkommt". Es war abzusehen, daß die Polizei weitere Angriffe auf Camps und Unterkünfte starten würde. Viele Militante wechselten das Quartier, aufgrund von Gerüchten über bevorstehende Razzien oder einfach aus Unsicherheit; es mußte immerhin davon ausgegangen werden, daß die Polizei im Laufe der Tage mitbekommen hatte, wo die Militanten zu suchen waren, und es hatte ja auch schon entsprechende Angriffe gegeben (etwa auf das Camp von griechischen Anarchisten, soweit ich weiß).
Manche, die an Auseinandersetzungen beteiligt waren, suchten den Schutz von Einrichtungen, die aufgrund ihrer Nähe etwa zum GSF als sicherer galten. Dazu gehörten auch die Diaz-Schule und das IMC. Die Polizei ist nicht allwissend, sie kriegt manches mit und manches nicht. Und sie hat ihre eigenen Verschwörungstheorien und wittert gerne geheime Bündnisse zwischen Militanten und Gemäßigten. Sie hatte sich bereits vor der nächtlichen Attacke stark auf die Deutschen als angebliche Haupt-Randalierer eingeschossen, und sie hat vermutlich mitbekommen, daß viele Deutsche in die Diaz-Schule überwechselten oder bereits dort waren. Es scheint daher sehr wohl möglich, daß sie anfangs wirklich der Meinung war, hier ein Zentrum der Militanten ausgemacht zu haben. Die unglaubliche Brutalität des Angriffs ist anders kaum zu erklären (schlugen sie den friedlichen Sack und meinten den ausschlagenden Esel?).
Es ist durchaus lebensnah (aber nicht so prickelnd verschwörerisch), zu vermuten, daß die Sondereinheiten ganz konkret Rache für die Vortage nehmen und die deutschen Militanten zusammenschlagen wollten, daß sie in ihrem (faschistoiden?) Haß und der über die Tage gewachsenen Anspannung unkontrollierbar wurden und die Deckung von oben dabei hatten: keine Sorge, das bügeln wir schon aus, die Medien haben wir im Griff, wer hört schon auf ein paar Schreihälse aus dem "Black Block"? Und dann trafen sie (überwiegend?) die ganz "falschen"... Die Möglichkeit, daß bewußt nicht auf die Militanten, sondern auf bekanntermaßen Friedfertige losgedroschen wurde, besteht nichtsdestotrotz. Dahinter müßte dann eine politische Strategie vermutet werden, die zum Ziel hat, die gemäßigte Linke durch Terror einzuschüchtern und zur Isolation der Militanten zu zwingen, nach dem Motto: trennt euch vom schwarzen Block, sonst schlagen wir euch tot. Ich halte aber die erste, banalere Erklärung für die wahrscheinlichere. Es sind meistens die banaleren Geschichten, die wahr sind.

Der Überfall auf die Schule und das IMC ging auch deswegen politisch nach hinten los für die Täter, weil es einige "unpassende" ZeugInnen und Betroffene gab. Geprügelte JournalistInnen lassen in fast allen Medien die staatstreuen Zügel lockerer werden, eine Senatorin als Zeugin ist auch ungünstig. Die Erschießung von Carlo Giuliani war noch mit einem Schulterzucken durchgegangen, die Polizeigewalt vom Samstag auch noch, der Überfall auf die Schule war dann der Tropfen zu viel, der etliche Medien kippen ließ und das politische Patt vorerst zugunsten der GAPO drehte. Ich schreibe "vorerst", weil ich mir durchaus nicht sicher bin, ob nicht langfristig die einschüchternde Wirkung des Terrors stärker sein wird als die mobilisierte Wut und Trotzreaktion. Werden nicht viele vor der nächsten anstehenden Großaktion sich fragen, ob sie sich das nach Genua noch einmal zumuten? Werden die gemäßigten Gruppen nicht letztlich wieder in ihre vertraute Spaltungsposition zurückkehren und, ausgesprochen oder nicht, die Militanten für den Terror der Polizei verantwortlich machen?

Die ersten Signale, etwa aus Richtung des GSF, klangen leider ganz danach. In jüngster Zeit gab es aber auch ermutigende Zeichen, etwa aus Richtung von ATTAC Deutschland. Eine Diskussion über die Möglichkeit gemeinsamer Aktionsformen ist nötig, und eine Einigung ist nicht zu erwarten. Aber vielleicht ist es wenigstens möglich, sich darüber zu verständigen, was in Genua geschehen ist und was als Gerücht, Einbildung, Erfindung oder Spekulation zurückgewiesen werden muß. Von einer solchen Basis aus kann dann versucht werden, zu diskutieren, wie weitere Aktionen in Zukunft aussehen könnten.

Ich möchte zusammenfassend mein Fazit aus den Tagen in Genua ziehen.
- Die Eskalation der Straßenkämpfe in Genua war spätestens nach Göteborg absehbar.- Es hat keinen "Black Block" gegeben.
- Militante sollten den Begriff des "Black Block" nicht akzeptieren, denn er kann - gerade in Italien - Assoziationen an unheimliche Gewalttäter und (faschistischen) Terror hervorrufen.
- Die Militanten waren schlecht bis gar nicht organisiert.
- Die Straßenkämpfe wurden von Militanten begonnen und maßgeblich geführt, nicht von Provokateuren.
- An den Straßenkämpfen beteiligten sich tausende, viele davon waren weder schwarz gekleidet noch vermummt, waren weder Militante noch Provokateure.
- Die Polizei ging brutal gegen alle vor, ob militant oder friedlich.
- Die Polizei hatte am Freitag ein teils defensives Konzept, weshalb viele militante Aktionen zeitweise unbehelligt blieben.
- Am Samstag schaltete die Polizei auf Offensive um und griff alle an, die ihr vor die Knüppel kamen - wiederum Militante ebenso wie Friedliche.
- Es gab vermummte Zivilpolizisten, vor allem als Schläger- und Greiftrupps.
- Es beteiligten sich auch einige getarnte Polizisten und Faschisten an den Krawallen; wenn sie dabei eine politische Strategie verfolgten, dann höchstwahrscheinlich die, durch asozialen Terror die Militanten in Mißkredit zu bringen.
- Es gab daneben aber auch Fehler von Militanten und unverantwortliche Aktionen.
- Der Überfall auf die Diaz-Schule war von oben gedeckt, wenn auch nicht von langer Hand geplant; er sollte vermutlich die deutschen Militanten treffen.
- die massive Brutalität der Polizei verfolgte das Ziel, die gemäßigten Teile der Bewegung einzuschüchtern und von den radikaleren Teilen zu spalten. Ob dieses Konzept erfolgreich war, wird sich erst in der Zukunft erweisen.
- Genua war ein politischer Erfolg für die gesamte GAPO-Bewegung, der teuer erkauft wurde und keine Gewißheit für den weiteren Verlauf bringt; ein Rückschritt ist ebenso wahrscheinlich wie eine verstärkte Mobilisierung.
- Genua wird sich in dieser Form nicht so bald wiederholen. Das Jahr 2001 war möglicherweise das letzte Jahr, in dem die Weltstrategen Ort und Form ihrer Gipfel kaum unter Rücksichtnahme auf mögliche Proteste planten. Gipfeltreffen in den Rocky Mountains, in Saudi-Arabien oder auf Flugzeugträgern werden anders verlaufen.

Zentral steht für mich eine Erkenntnis: Genua hat eine Grenze der Mobilisierung und politischen Aktionsfähigkeit aufgezeigt. So viele Menschen, aus so unterschiedlicher (politischer) Heimat, mit verschiedenstem Organisierungsgrad und verschiedensten Aktionsformen, werden zu einem unkontrollierbaren Pulverfaß. Alles, Gutes wie Schlechtes, wird immens vestärkt und intensiver erlebt. Niemand kann mehr den gesamten Verlauf der Ereignisse überblicken, geschweige denn kontrollieren: kein GSF-Funktionär, kein Tute Bianche, kein Militanter, kein Provokateur, kein Polizeiführer.
Militante Straßenkämpfe einer wachsenden Bewegung sind schon früher - auch in Italien - an eine Grenze gestoßen, die zu überschreiten den Weg in die militärische Auseinandersetzung bedeutet. Die Folge ist, unter den heutigen Bedingungen ebenso wie etwa 1977 in Italien (bewaffnete Demos der Autonomia-Bewegung), daß die Eskalation zurückgenommen werden muß oder die Bewegung zerschlagen wird. Denn die Machtfrage stellt und beantwortet derzeit in Europa der Staatsapparat und nicht die revolutionäre Bewegung. Die Eskalation von Seiten der Polizei, die bereits in Seattle begann, verfolgt genau dieses Ziel: uns einen immer härteren Kampf aufzuzwingen, dem wir auch strukturell nicht gewachsen sind. Denn, wie erwähnt, es gibt nicht nur keinen organisierten "Black Block" (was sogar die italienische Justiz inzwischen zuzugeben scheint), es gibt überhaupt keine Struktur der Militanten, die einer ernsthaften staatlichen Repression auch nur ansatzweise standhalten könnte.
Daher müsste für alle Militanten eine Einschätzung der Kräfteverhältnisse stets am Anfang ihrer Aktionen stehen, und der mögliche Verzicht auf Eskalation müsste bewußter Teil der Strategien sein. Das ist aber nur sehr selten der Fall, denn - wie oben schon angedeutet - "die" Militanten sind ein strategienloses Sammelsurium, in dem völlig unterschiedliche Motivationen zusammenkommen. Wer jung und wütend ist, sich sehr stark und wichtig fühlt, halb noch gegen die Eltern, halb schon gegen das Gesellschaftssystem rebelliert, wird sich kaum mit strategischen Überlegungen aufhalten. Das Ergebnis ist, bedauerlicherweise, daß nicht etwa die militante Bewegung bewußt Strategie und Taktik entwickelt, sondern daß zur militanten Bewegung immer genau die Menschen gehören, die die momentane Praxis gut finden. Wer seine Meinung ändert, verläßt meist die Bewegung, anstatt sie zu verändern.
Daher ist es fast unmöglich, mit anderen Kräften der GAPO-Bewegung verbindliche Absprachen über ein zukünftiges Nebeneinander der Aktionsformen zu treffen. Niemand kann den militanten Flügel wirklich repräsentieren.
Wir als Militante können nicht auf das Umfeld der vielen tausend verzichten, die unsere Aktionsformen zumindest tolerieren; die GAPO-Bewegung allgemein kann nicht auf ihre militante, umstürzlerische Option verzichten, will sie nicht in der sozialdemokratischen Umarmung ersticken. Künftige Mobilisierungen der GAPO kommen nicht darumherum, sich sowohl auf mögliche (nicht: zwangsläufige!) militante Aktionen wie auch auf brutale Polizei einzustellen.
Es ist klar, daß es unter diesen Voraussetzungen schwer ist, gemeinsame Aktionen durchzuführen mit denen, die an Reformkonzepte noch glauben und auf Einfluß, gar Beteiligung an der Regierung (oder gar der Macht?) hoffen. Für sie sind wir eine zukünftige Bedrohung, und sie für uns. Dieses Mißtrauen zieht sich mehr oder weniger unterschwellig stets durch die Gewalt-Debatte. Welche Politik wird durch Gewalt diskreditiert? Wenn es die Politik ist, die auf Teilhabe an der heutigen Macht zielt, ist sie in unseren Augen bereits selbst diskreditiert. Diese Sichtweise führt viele Militante in die Sackgasse, die gemäßigte Linke an sich für verloren an den Reformismus zu halten, besonders die Organisationen. Sie verlieren den Respekt vor den Beteiligten und sehen sie geringschätzig als die nützlichen Idioten der Sozialdemokratie an, so wie andersherum manche uns als nützliche Idioten der Polizei betrachten.
Die GAPO-Bewegung kann nur stärker werden (bzw. überleben), wenn sie dieses Spannungsverhältnis aushält. Sonst wird sie sich zwangsläufig aufspalten in einen radikalen Teil, der isoliert, unterdrückt, zerschlagen wird und einen reformistischen Teil, der mit den üblichen Lippenbekenntnissen, Bestechungen und Lügen abgespeist wird. Aushalten läßt sich das Spannungsverhältnis nur, wenn es für alle Fraktionen die Möglichkeit gibt, ihre Aktionsformen durchzuführen. Das bedeutet aber auch, daß es für Gewaltfreie möglich sein muß, so zu demonstrieren, wie sie es wollen, ohne daß unsere Militanz und der darauf folgende Polizeieinsatz sie daran hindert. Militante Aktionen, soweit sie organisiert sind, müssen darauf achten, nicht andere Leute schwerwiegend in Mitleidenschaft zu ziehen. Wenn die Polizei von sich aus angreift, so soll sie das nicht uns in die Schuhe schieben können. Andererseits sollten wir von den Gewaltfreien erwarten können, daß sie einen differenzierten Blick entwickeln und nicht über jedes Distanzierungsstöckchen springen, das ihnen hingehalten wird von Medien und Staatspolitik. Wenn die Polizei sagt, sie müsse die DemonstrantInnen leider verprügeln, weil sie sich nicht distanzieren von denen, die ganz woanders Krawall machen, erwarte ich den von den Gewaltfreien den Mut, zu sagen: Nein, warum soll ich mich distanzieren, ich habe das nicht zu verantworten!
Die Gewaltfrage innerhalb der GAPO-Bewegung ist nicht "lösbar". Um zu überleben, muß sie Formen des akzeptierenden Nebeneinander entwickeln, die sich gegenseitig nicht ausschließen.
Wir als Militante können dazu beitragen, indem wir für die anderen Gruppen und Strömungen innerhalb der GAPO erkennbarer, ansprechbar und einschätzbar werden; indem wir Absprachen eingehen und auf deren gegenseitige Einhaltung achten; indem wir nicht jede Möglichkeit militanten Agierens nutzen, sondern uns taktischer verhalten.